Der neue Journalismus: "Haltung zeigen" und "Lügen für die Wahrheit"

Vor rund 20 Jahren hatten fast alle Journalisten dasselbe Lieblingszitat. Es stammt von dem Moderator Hans Joachim Friedrichs: "Ein Journalist soll sich nicht mit einer Sache gemein machen, auch nicht mit einer Guten".

Als man damals Kollegen fragte, welches die wichtigste Journalisten-Tugend sei, antworteten fast alle: "Neugier".

Heute ist die am häufigsten beschworene Journalisten-Tugend "Haltung".

Im journalistischen Zusammenhang besteht das Wort Haltung für Parteilichkeit.

Es befindet sich in einer bedenklichen Nähe zu dem, was Diktaturen von ihren Journalisten fordern. Man soll zum Beispiel, wie mein Kollege Stefan Niggemeier im Gespräch zu mir gesagt hat: "nichts schreiben, was eine gefährliche Wirkung hat, weil Ressentiments verbreitet werden". Da denke ich sofort an die zeitverzögerte Berichterstattung über die berüchtigte Kölner Silvesternacht.

Informationen sind offenbar GEFÄHRLICH, wenn Sie den Falschen nützen. Damit sind meistens die Rechten gemeint, zu denen man in der Regel alle zählt, die nicht jeder Dödel, auf den ersten Blick als Linker erkennt. Der "Journalist mit Haltung" ist das exakte Gegenteil von Hans Joachim Friedrichs. "Neugier" braucht er nicht mehr, sie schadet eher.

Was, wenn die Wirklichkeit, mit der Haltung in Konflikt gerät, wenn ein Trumpanhänger kein Blödian ist, ein Womanizer kein Vergewaltiger, oder Flüchtlinge keine Opfer?

Ich lese viel, aber den Namen Relotius kannte auch ich bis vor kurzem nicht. Ich muss die Lektüre seiner Reportagen nach ein paar Zeilen beendet haben. So scheint es nicht wenigen Lesern gegangen zu sein. Der Mann war nur in gewissen Jurys und Internetgroups ein Star. Claas Relotius, der flächendeckend erfundene Geschichten verkauft und Preise gesammelt hat, ist für mich die perfekte Verkörperung eines neuen Journalisten-Typus, vor dem viele Leser flüchten. Seine Ware ist nicht Reportage, sondern Haltung.

Glaubt irgendwer, dass er beim Spiegel mit einer kitschigen und von Fehlern strotzenden Geschichte durchgekommen wäre, wenn er die falschen gefeiert hätte?

Auch Texte, die neben der Mehrheitsmeinung des ziemlich homogenen Journalistenmilieus liegen, sind möglich und werden gedruckt. Aber da prüft man genau, was ja richtig ist. Relotius war ein Opportunist. Er hat sogar ein paarmal für konservative Blätter geschrieben. Auch da traf er die gewünschte Haltung. Für die Schweizer Weltwoche porträtierte er erfindungsreich ein Dorf in Ohio. Den Frust der Arbeiterklasse beschrieb er da anders, als später für den Spiegel. Aus seiner Perspektive hat er alles richtig gemacht, wenn er seine Geschichten mit viel Fantasie im Hotelzimmer schrieb. Um Haltung zu produzieren, reicht das völlig.

Die Guten und die Bösen stehen eh fest - der Rest ist "Malen nach Zahlen".

Ein anderes Schlüsselwort des neuen Journalismus ist Wahrheit. Dieses Wort Wahrheit ist ein Synonym für Meinung geworden. Das was sie als Meinung zwischen den Ohren spazieren führen, nennen heute viele "Die Wahrheit".

Fakten sind richtig oder falsch, aber sie lassen meist verschiedene Interpretationen zu.

Es gibt nur noch zwei Seiten. Uns, die Hüter der Wahrheit - und das Böse auf der Gegenseite.

Lügen für die Wahrheit - genau wie in Orwells Roman 1984.

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